Sonntag, 21. April 2013

Das Gesetz der Straße



 Kapitel 4 - Rumble in Altona

            Schon seit dem frühen Morgen donnerte die Sonne unerbittlich auf die dichte Wolkendecke und verwandelte Hamburg in einen hitzig-schwülen Dampfkochtopf, als wir am nächsten Tag zu Wus Wohnung fuhren. Glücklicherweise hatte uns der Mann verraten, dass wir aufs Dach des Gebäudes mussten. Sonst hätten wir wohl vor den Klingelschildern kapitulieren müssen. Nahezu alle sechzig Namen waren in den verschiedensten asiatischen Sprachen geschrieben. Scheinbar erwartete man hier keine einheimischen Besucher oder gar Post. Am Ende war es vielleicht auch nur ein geschickter Trick, um Schlipsträger von den Behörden zu verwirren. Das Viertel jedenfalls schien fest in fernöstlicher Hand zu sein.
            Wie zu erwarten war die Haustür nicht abgeschlossen. Daher betraten wir das Erdgeschoss und sahen uns um. Der baufällige Wohnblock besaß einen bescheidenen Innenhof, in dem wild durcheinander, kreuz und quer Wäscheleinen gespannt waren. Alte Kartons und anderer Müll stapelten sich zu kleinen Türmen an den Flurwänden. Die Wände selbst waren, sofern überhaupt Tapete auf ihnen klebte, in die schrillsten, Augenkrebs fördernden Farben gekleidet. Meist sahen wir auf nackten Stein, verziert mit herunter bröckelndem Putz oder auf dünne Rigipsplatten. Von den Treppen schallte der Lärm vieler spielender Kinder herunter, weswegen einige Hausfrauen - vermutlich ihre Mütter - aus Leibeskräften nach oben schrien. Als ob das dem allgemeinen Lärmpegel zuträglich gewesen wäre.            
            Hier und da unterhielten sich Leute im Stehen bei einem Tässchen Tee in den Hauseingängen miteinander. Wir hielten vor dem Aufzug an und sparten uns beim Anblick der weit offen stehenden Türen auf den Knopf zu drücken. Nachdem der Aufzug eines Tages den Weg alles Irdischen gegangen war, hatte die Vermietungsfirma nicht unnötig in einen Ersatz investiert, sodass die Anwohner den Schacht als Müllkippe nutzten. Damit meine ich den Kram, mit dem selbst diese Menschen nichts mehr anfangen konnten. Ich wollte gar nicht wissen, was sie noch alles im finsteren Abgrund versteckten.