Samstag, 8. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 3 – Iden des März

                    So zu tun, als wäre man nicht auf der Flucht, obwohl man gerade auf schnellstem Wege das Weite sucht, ist nicht mal im Ansatz so einfach, wie es in billigen Trivid Filmen immer wieder kolportiert wird. Ganz besonders, wenn einem dabei Überwachungsdrohnen wie Scheiße am Hacken kleben.
            Wir verluden gerade eine der Metallboxen aus dem Anhänger des Lastwagens in das Wild Card Mobil, als sie Largo auffielen.    
            Zwei Objekte von der Größe einer Schokoladentafel schwebten in etwa dreißig Metern Höhe über dem LKW. Ohne Cyberaugen war für uns andere schwer zu erkennen, dass da überhaupt etwas war.
            Der Zwerg hielt inne und musterte sie einen Moment lang. „Militärische Bauweise. Sind verdammt gut ausgestattet. Die haben bestimmt meine Fly-Spy entdeckt, die dem Truck folgen sollte.“
            „Deshalb haben die Penner also gewusst, dass wir kommen!“, fluchte Alyssa und warf die Heckklappe des Toyota mit mehr Kraftaufwand als nötig zu. 
            „Auf geht’s! Wir sollten die Dinger so schnell wie möglich los werden.“ Hank, Largo und die menschliche Magierin stiegen in den Wagen ein, während ich wieder hinter Sunetra auf der Mirage Platz nahm. Knatternd startete die Maschine. Ihre Stimme ging in ein leierndes Nölen über, als sie mit durchdrehenden Reifen davon brauste, unserm zweiten Fahrzeug hinterher. 

Sonntag, 2. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 2 – Heißer Reifen

           Dämmerlicht drang durch die frisch geputzten Fensterscheiben und vermischte sich mit dem spärlichen, weißkalten Kunstlicht der Deckenlampen. Die Sonne enthüllte nichts, das Ricardo nicht bereits mit Hilfe seiner künstlichen Augen hatte sehen können. Viel zu entdecken gab es eh nicht. Nackte, in schlichtes Weiß getünchte Betonwände standen ringsum. Nur ein Pin-Up-Kalender mit drittklassigen Weibern und ihren viertklassigen, künstlichen Titten, schmückte den Raum. In regelmäßigen Abständen ragten Träger der stützenden Stahlkonstruktion aus den Wänden hervor. Förderbänder lieferten Fracht vom Verladedock durch die Anlage, an Scannern vorbei und aus der Halle heraus in den Außenbereich, wo sie auf Zügen und Lastwagen ihre weitere Reise antraten.
            Ricardo war es unmöglich die Schlichtheit der Architektur, die Sauberkeit oder die Effizienz zu schätzen, mit der hier gearbeitet wurde. Es war nicht so, dass es ihm an blumigen Ausdrücken gemangelt hätte. Er kannte sie alle aus der Zeit vor seiner Metamorphose. Doch seit er nach umfangreichen Operationen mehr Maschine denn Mensch war, hatte vieles um ihn herum an Bedeutung verloren. Genuss, leichtfüßiger Umgang mit Frauen, Pflege sozialer Kontakte… Ricardo spürte keine Leidenschaft mehr in seinem Leib. Selbst der Begriff Langeweile war etwas, das mit jedem Tag fremder klang. Ihm war spätestens seit der letzten Operation das Gefühl für Zeit vollständig entglitten. Geduldig konnte er stunden-, ja tagelang, ausharren und warten, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Stoisch wie ein Roboter auf Abruf.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Nacht der langen Messer


Kapitel 1 - Die Oper ist erst zu Ende, wenn die fette Frau gesungen hat

                    Manchmal werden Worte umgehend Lügen gestraft.
'Ich wusst's! Ich wusst's! Ich wusst's!'
           
Zornig waberte die Erkenntnis durch das Zwergenhirn. Die Fäuste in den Taschen geballt, stapfte Largo den anderen Wild Cards hinterher ins Innere des Hel's Kitchen. Barrys Bar. Alyssas Kontaktmann zur Unterwelt der Hansestadt.   
            Wie viel lieber würde er noch immer an Bord der Dead Man's Hand den Abschluss der Mission und die Wiederwahl von Vesna Lyzhichko feiern, ein wohlverdientes, kühles Bier genießen.
            Schon vor Stunden hatte ihm sein Bauch geflüstert, dass der Mord an Karl Weißhaupt nicht das Ende der Geschichte sein konnte. Zu viel hatte er in seiner Karriere als Shadowrunner erlebt, um sich der Illusion hingeben zu können, so leicht aus der Sache herauszukommen. Ausgerechnet Sunetra, die er als erfahrene Kollegin und Freundin schätzte, hatte sich wie ein Anfänger mit der Sicherheit eines Blinden in einem Minenfeld über den Sieg gefreut. Sie hatte geglaubt, dass sich die gegnerischen Parteien aus Frankfurt nun kuschen würden.   
            'Zu früh gefreut, Spitzohr.'      
Keine zwei Minuten nach dem Anruf aus dem Büro der Bürgermeisterin klingelte Hendriks Telefon ein weiteres Mal. Sein Gesicht verwandelte sich in einen Korb gemischten sauren Obsts, als Yashida Himotos Antlitz im Videofenster erschien. Der Ork machte keinen Hehl daraus, dass er Sunetras Ex-Verlobten äußerst skeptisch gegenüber stand. Doch wenn er helfen wollte der Elfe den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die ihr ihr ehemaliger Arbeitgeber MCT[1] um den Hals gelegt hatte, musste er wohl oder übel mit ihm zusammen arbeiten. Also schluckte er runter, was ihm als Erstes in den Sinn kam und gab sich betont freundlich. Irgendwie gelang es ihm auf diese Weise seine Antipathie besonders gut zum Ausdruck zu bringen.     
            "Konbanwa, Himoto-San."       
Der Japaner lächelte typisch asiatisch freudlos. Genauso gut hätte er 'Leck mich am Arsch, blöder Penner!' sagen können. Stattdessen kamen folgende Worte aus seinem Mund: "Summerset. Sehr gute Arbeit, die sie und ihre Truppe in Westphalen geleistet haben. Ich bin erfreut über das neu geschmiedete Bündnis mit dem Hamburger Senat. Damit ist MCT seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen."

Samstag, 9. August 2014

Eine Woche Ewigkeit

Kapitel 4 - Die Zaunkönige sind los

            Freitag, 23:10 Uhr

            „Was haben sie hier zu suchen?!“, blökte die Stimme in meinem Rücken.       
Noch bevor man mir die Gelegenheit gab, mich um Kopf und Kragen zu quasseln, zischte ein mit Magie erzeugtes Säuregeschoss knapp an mir vorbei und zerplatzte an der geöffneten, mehrere hundert Jahre alten, massiven Tür. Der Lack begann zu brodeln und warf Blasen. Doch bevor sie unter der Hitze der chemischen Reaktion in Flammen aufgehen konnte, verging die ätzende Substanz und hinterließ lediglich einen schwärzlichen Fleck, von dem übelriechende, dünne Rauchfäden aufstiegen.          
            Shitdrekscheißeverdammtnochmal!
Binnen weniger Sekunden hatte sich der schöne Plan in Wohlgefallen aufgelöst. Michael musste zwar ein wenig diskutieren, aber schließlich überzeugte er seine Ehefrau von dem mitternächtlichen Ausflug. Nachdem sie das Haus mit Sekt und einem Snack im Gepäck verlassen hatten, inspizierte ich mit Sunetra den ersten Stock. Vielleicht ließ sich etwas Nützliches finden oder einen guten Platz für einen Hinterhalt. Am Ende unserer Runde wollten wir Hank über unsere Ergebnisse informieren, der immer noch unter dem Fenster wartete, durch das wir eingestiegen waren. Dann hätten die restlichen WildCards den Generator sabotiert. Während dann das Familienoberhaupt oder dessen ältester Sohn in den Stall gegangen wäre, hätte ich mit der Elfe die Gesellschaft im Erdgeschoss ein wenig aufgemischt. Hauptsache so wenig Lärm und Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Selbstverständlich hätten sich unsere Freunde ebenso liebevoll um ihren Gast im Stall gekümmert.   

Mittwoch, 18. Juni 2014

Eine Woche Ewigkeit





Kapitel 3 –Unverhofft kommt oft



            Freitag 08:40 Uhr



            Am Ende einer langen Nacht des geschäftigen Suchens nach Beute legte sich der Fuchs im Unterholz des Wäldchens zur Ruhe. Zwei magere Wühlmäuse hatte er in ihren Verstecken aufgestöbert und anschließend im spärlichem Mondschein verspeist. Ein voller Magen sieht anders aus, aber verhungern würde er heute nicht. Nein, Hunger würde er nicht mehr leiden müssen, aber wenn das Tier geahnt hätte, dass es gerade seine Henkersmahlzeit zu sich genommen hatte, es wäre die Sache mit mehr Genuss angegangen. Hätte sich Zeit gelassen statt die grauen Nager gierig hinunter zu schlingen. Aber da der Fuchs nichts von seinem Schicksal wissen konnte, rollte er sich erschöpft zusammen und schloss die Augen. Wahrscheinlich hätte er sein Ende sogar im Frieden des Schlafs gefunden, wenn ihn nicht ein Geräusch aufgeschreckt hätte. Sofort war er hellwach. Die Ohren aufrecht gestellt, den Kopf in die Höhe gereckt, horchte er in den Wald hinein. Was war das? Es hatte wie knackendes Holz geklungen. Ein Geräusch, das für gewöhnlich von schweren Schritten verursacht wurde. War jemand in seiner Nähe? Menschen etwa?           
            Vorsichtig schnupperte der Vierbeiner aus der Familie der Hundeartigen, konnte aber keine entlarvenden Gerüche ausmachen. Zu seinem Unglück ging dem Tier der Intellekt ab, die Quelle des Geräuschs mit der Windrichtung zu kombinieren. So entging ihm die lebensrettende Erkenntnis, dass sich ihm jemand aus der Richtung näherte, in die der Wind blies. So aber trug er den Geruch des Angreifers von dem Fuchs fort.    

Montag, 26. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit




Kapitel 2 – Zurück zur Natur
 


            Donnerstag, 18:26 Uhr

            Selbst durch ausdauerndes Fuchteln mit der Hand ließ sich der beißende Geruch verbrannten Reifengummis nicht von der Nase verscheuchen. Wie ein räudiger Straßenköter mischte er sich unter die feuchtschwüle Hitze des ausklingenden Tages und erschwerte das ohnehin schon mühsame Atmen zusätzlich. Bald schon würden die Schatten länger werden und die Temperaturen in angenehme Bereiche rutschen. Für den Moment allerdings blieb nichts anderes übrig, als uns mit der brütenden Hitze zu arrangieren, die geduldig über dem Asphalt des Werlter Flughafens verharrte. Wie Schimmelpilz auf einem viel zu alten Duschvorhang lauerte sie dort auf ihre Opfer.     
            So trieb sie uns prompt ab dem Moment die Suppe aus allen Poren, als sich das Schott des Fluzeugs öffnete. In Rinnsalen ergossen sich die salzigen Säfte über Stirn und Rücken. Gegen diese Hitzewand versagte selbst die beste Klimaanlage.         
            „Boah, ist das ekelhaft.“, stöhnte Alyssa mit hängenden Schultern. Vergeblich suchte sie Kühlung, indem sie ihr Top vom Oberkörper zupfte. Der vermaledeite Stoff weigerte sich jedoch zu kooperieren und flitschte fortwährend wie ein Gummiband in seine klebrige Ausgangsposition zurück. Lightning wirkte, als hätte man ihr mit einem Knüppel vor den Kopf geschlagen. „Da war‘s ja selbst in Hamburg angenehmer. Ich dachte das hier wäre ein Erholungsgebiet.“    
            „Jammer nicht rum, Kurze! Sobald wir im Wald sind, wird’s angenehmer.“, unerbittlich scheuchte Largo die Magierin vor sich die Gangway herunter.            
 

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit

 

Kapitel 1 - Interessante Zeiten


            Gerade noch rechtzeitig duckte ich mich unter dem Messer hinweg, das durch die Luft auf mich zuflog. Ein kühler Lufthauch zog durch die neu entstandene Öffnung in mein Shirt , kroch über meine verschwitzte Haut und ermahnte mich das nächste Mal zeitiger zu reagieren. Mit einem scharfen Tock blieb die Klinge in einem Holzbalken in der Wand stecken. Noch bevor der Griff aufhörte von einer Seite zur anderen zu wippen, prasselten schon die nächsten Angriffe auf mich ein. Aus der abgeknieten Haltung, in der ich mich befand, blieben mir nicht viele Optionen übrig. Die ersten beiden Schläge konnte ich durch einen Block mit dem rechten Unterarm abfangen Der Dritte streifte mich schmerzhaft an der linken Schläfe. Sternchen tanzten vor meinen Augen einen konfusen, alkoholschwangeren Walzer auf dem Weg zum Saalausgang. Ein weiterer Schmerz gesellte sich zu den vielen anderen, über die sich mein Körper seit Beginn des Kampfs quengelnd beschwerte. Es war an der Zeit meine Position zu wechseln. Also stieß ich mich seitlich weg, ging in eine Rolle über, aus der ich in die Vertikale schoss.
            Zum ersten Mal in diesem Gefecht schlug er an mir vorbei. Erstaunt dass sein Ziel verschwunden war, hopste er ein Schrittchen zurück und wiegte sich erwartungsvoll in seinen Knien, bereit wieder auf mich loszugehen. Er grinste. Nicht wütend werden, Hendrik! Ruhe bewahren und auf die Situation konzentrieren! Doch das war einfacher gesagt als getan. Im Moment hätte ich mich am liebsten wie ein Berserker aufgeführt. Ein wenig Gebrüllt, Geflucht und den gesamten Raum in Einzelteile geschlagen. Ich wusste, dass er genau darauf wartete. Darauf wartete, dass ich die Kontrolle verlor. Versagte.          

Sonntag, 26. Januar 2014

Unterm Messer


                                             Kapitel 5 - Akronym des Todes

Das wütende Krächzen eines unsichtbaren, vielstimmigen Rabenchors, der sich um fette Beute zankte, erfüllte Sunetras magisches Refugium. In der Mitte, kniend auf einem weichen Kissen, umgeben von drei ineinander verflochtenen Kreisen aus brennenden Stumpenkerzen, die sie wie ein stilisiertes Dreieck einrahmten, verharrte die junge weißhaarige Frau. Schon seit Minuten murmelte sie fremdartige Worte, während sie in einem Schüsselchen vor sich ein Pulvergemisch aus Kohle, Beifuß, Ingwer, Blut und Haaren verbrannte. Leise hatte sie begonnen, steigerte sich aber schon bald in einen geradezu manischen Singsang hinein, der von unkontrollierten Zuckungen ihres Oberkörpers begleitet wurde.