Samstag, 10. Oktober 2015

That's all, Folks! ... uhm almost...

Cover der Gesamtausgabe


Seit dem Erscheinen des letzten Kapitels von "Schatten über Jigoku" ist inzwischen ein guter Monat vergangen. Es ist also längste Zeit für ein Update.

Samstag, 12. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 10 - Schrecken ohne Ende

            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Der frisch gefallene Neuschnee knarzte unter ihren Winterstiefeln. Erbarmungslos pfiff der Ostwind über den Immanuel-Kant-Friedhof im Hamburger Stadtviertel Wandsbek. Er kündigte eine eisige Wetterfront an, die sich von Russland aus nach Westeuropa schob. Alyssa fröstelte und korrigierte den Sitz ihres Schals über der dicken Daunenjacke. Doch es war nicht nur das Wetter, das ihr zusetzte.

            Schweren Herzens lenkte sie ihre Schritte an einer alten Krüppelkiefer vorbei zur Reihe Grabsteine dahinter. Nachdem sie etwas mehr als eine Minute gegangen war, erreichte sie eine Gruppe frisch angelegter Gräber. Im Gegensatz zu den anderen, kündeten keine steinernen Mahle von der Identität ihrer Bewohner, sondern schlichte Holzkreuze, die jemand mit wenig Liebe für die Verstorbenen schief und krumm in die Erde gerammt hatte. Niemand außer ihr hielt sich in diesem Teil des Friedhofs auf. Zumeist bettete man hier Runner zu ihrer letzten Ruhe. Für diesen Menschenschlag gab es selten positive Gefühle in der Bevölkerung. In diesem Metier bemühte man sich nach Leibeskräften erst gar nicht aufzufallen. Alles andere lockte meist bloß Probleme in Form von Konkurrenz, gegnerischen Teams, Missgunst und lokale Autoritäten an. Meist fielen nur die unangenehmen Exemplare in der Öffentlichkeit auf, berüchtigt für ihre Brutalität, Gier und Rücksichtslosigkeit.          

Donnerstag, 3. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 9 - Our Little Shop Of Horrors

                Dick und zäh drückten sich ölig riechende Rauchschwaden durch die zerschlissenen Papierwände der Schiebetüren und wanderten träge zum zerstörten Garten, wo sie sich auflösten. Sanadas Automatikgewehrfeuer und magische Geschosse aus dem Inneren des Tempels hatten die Türen mehrfach perforiert. Entschlossen schob der Japaner ein weiteres Magazin in seine Waffe und lud durch, während wir anderen die Munition, die wir entbehren konnten, an ihn abgaben. Er würde sie dringender brauchen als wir, wenn er unsere zahlreichen Feinde in Schach halten wollte. Das würde uns die Gelegenheit geben, ihrem Boss auf die Pelle zu rücken.  
            „Und du bist dir ganz sicher?“, fragte ich über den Lärm hinweg.
      
            „Ganz sicher. Ocyon ist in diesem Teil des Tempels.“           
Sunetra zeigte auf die massiven Holzwände des Gebäudes, die nur hier und da von Oberlichtern durchbrochen wurden, und an schönen Tagen die Sonnenstrahlen im Morgengrauen herein ließen.
              
            Sanada lehnte sich wieder aus seiner Deckung und bestrich den Raum dahinter mit einer Salve. Das wütend klingende Geschrei wurde noch ein wenig giftiger, aber es traute sich niemand zu uns herauszukommen. Soweit wir wussten, hatten sich dort lediglich Besessene verschanzt, was uns einen Vorteil verschaffte, denn sie bissen sich am Null-Magier die Zähne aus. Sie konnten so viele Manablitze, Energiegeschosse und was wusste ich noch alles auf ihn abfeuern, ohne dass er davon auch nur ein fitzekleines bisschen zu spüren bekam. Seine Aura absorbierte alles, was sie aufzubieten hatten. Es hätte ihn mehr gestört, wenn sie Kieselsteinchen geworfen hätten. Wahrscheinlich ahnten die Kerle nicht einmal, womit sie es zu tun hatten. Hatte sich Ocyon deshalb an die Front gewagt? Spürte er, dass etwas in der Nähe war, an dem selbst er sich die Zähne ausbeißen könnte? Ich beneidete den Japaner eine wenig um seine Fähigkeiten.
       

Sonntag, 23. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 8 - Odyssee

            Es verzehrte sich nach Macht und darum war es.     
Gezeugt von einer gewaltigen Explosion, geboren in den kalten Sphären des unendlichen Alls, von Sonnenwinden durch den Äther getrieben, zermalmt vom unermesslichen Druck eines Schwarzen Lochs, durch hunderte Dimensionen gepresst und von der Energie einer Singularität zu neuem Leben erweckt worden: Es war schon alt, als die Zeit ihren Anfang nahm, bevor sich der kosmische Staub zu gewaltigen Ansammlungen verdichtete, in denen wie von Zauberhand Fusionen starteten und sie zu Sonnen werden ließen, die gediehen, ihren rauschenden Höhepunkt feierten, schließlich ausbrannten und vergingen. Rote Riesen, Braune Zwerge und Pulsare waren die Kadaver, die von ihrem einstigen Ruhm zeugten.
            Diejenigen, die es nicht schafften sich in Sonnen zu verwandeln, komprimierten sich zu geringeren Objekten, den Planeten. Doch bestimmten sie nicht ihr eigenes Schicksal. Sie ihrerseits folgten den Sternen, die sie eingefangen hatten. Ihr Aufstieg und Fall war an das ihres Herrn und Meisters geknüpft. So mussten auch sie vergehen, wenn ihre Sonne starb. Verwandelte sie sich in eine Nova, riss sie sie in einem letzen Aufbäumen mit sich ins Nichts. Zurück blieben nur stumme Gerippe, dem Vergessen anheimgefallen, von niemandem betrauert.          

Donnerstag, 6. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 7 - Tanz auf dem Grab

            Wie ich dieses Pisswetter hasste.      
Seitdem wir das Mädchen im Dorf getroffen hatten, zog der Sturm über der Insel unentwegt Wolken zusammen, vermutlich für einen alles entscheidenden Angriff, um dieses Stückchen Dreck wieder in den Ozean zurück zu prügeln. Dichter Nebel kochte ein breiiges Süppchen, durch das dicke Regentropfen von weiter oben herunter kamen. Beschleunigt vom starken Wind peitschten sie wie Gewehrkugeln umher und zerplatzten trotzig auf unseren Helmen. Ich war heilfroh über die Schutzwesten, die wir trugen. Sie hielten neben dem Wasser auch einen Großteil der Kälte ab, die uns ebenfalls zuzusetzen begann.     
            Äste der umstehenden Bäume griffen gefährlich nach uns. Ein paar Mal krachten sie sogar auf die Stufen herab, weswegen wir erst den Weg frei räumen mussten, um weitergehen zu können. Und dann war da noch der Lärm, den das Wetter verursachte. Ein hohles, schrilles, modulierendes Pfeifen führte ein vielstimmiges Rascheln, Stöhnen, Knacken und Knarzen der Flora an, begleitet vom millionenfachen Trommeln der wässrigen Drumsets. Zusammen spielten sie die Uraufführung eines avantgardistischen New Age Stücks: dem Präludium zum WildCards Requiem. Es wirkt, als würde der Dschungel lebendig werden, um uns höchst selbst von Jigoku zu vertreiben.      

Freitag, 31. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 6 - In der Höhle des Löwen

            Tausendfach spuckte uns der Pazifische Ozean ins Gesicht, beziehungsweise versuchte er es mit bewundernswerter Hartnäckigkeit. Doch jeder einzelne Spritzer scheiterte an der Frontscheibe unseres Schnellbootes. Sanada hatte es kurzfristig besorgt, zusammen mit weiterer Ausrüstung, die wir womöglich auf unserem Trip gebrauchen konnten. 
            Als hätte das Meer von unseren Absichten gewusst, stemmte es sich uns mit aller Gewalt entgegen- Einem bösen Omen gleich verfinsterten Wolkenbänder wie mehrlagige, schwere Vorhänge den Himmel, um Largo die Sicht zu erschweren. Zusätzlich prasselte ein unangenehmer Nieselregen auf uns nieder. Die Tropfen schienen jedoch den physikalischen Eigenschaften von Dihydrogenmonoxid zu trotzen. Anstatt einfach von den Scheiben abzuperlen und sich am Heck des Schiffs mit ihren Genossen zu vereinen und ins Meer zurück zu hüpfen, bildeten sie einen öligen Film, den auch die Scheibenwischer nicht vertreiben konnten. Am Ende erschwerten die schmierigen Schlieren, die dabei entstanden, die Sicht nur noch mehr. Schließlich gab Largo auf und konzentrierte sich auf die Daten, die ihm die Außenkameras und seine vorausgeflogenen Überwachungsdrohnen übermittelten. Die kleine FlySpy hatte Schwierigkeiten bei der aktuellen Wetterlage mitzuhalten, aber die deutlich größere Wartungsdrohne, die der Rigger von Yoshis Schrottplatz mitgenommen hatte, verrichtete ohne Murren ihren Dienst.        
 

Samstag, 25. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 5 - Ocyons Ruf

            Falls es jemals unter Shadowrunnern so etwas wie den Stereotyp des stillen Teilhabers geben sollte, lieferte Sanada die Blaupause dafür. Unser mandeläugiger Begleiter mit den feisten Backen, der sich auffällig darum bemühte unauffällig zu wirken, war zwar fast die ganze Zeit über an unserer Seite gewesen, konnte aber mit jeglicher Umgebung verschmelzen. Egal wo wir unsere Ermittlungen durchführten, er schien augenblicklich unsichtbar zu werden, sobald wir uns nicht von A nach B bewegten. Wahrscheinlich waren die wenigsten in der Lage sich spontan an ihn zu erinnern, wenn man sie nach ihm fragen würde.       
            Er bekam die Zähne kaum auseinander und selbst wenn man ihn direkt ansprach, musste man ihm die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. Nur selten sprach er mehr als einen zusammenhängenden Satz mit uns. Ich war mir sicher, dass es nicht daran lag, dass er mit uns ein Problem hatte. Er war schlicht ein schweigsamer Kerl. Doch auch wenn er sich nur dann und wann mitteilte, bedeutete das nicht, dass er kurz vorm Einschlafen war. Stets behielt er mit wachen, aufmerksamen Augen alles um ihn herum im Blick, wie ein lauerndes Raubtier. Am Flughafen hatte er bereits bewiesen, dass er sich seiner Haut erwehren konnte. Sanada würde uns in einem Kampf also nicht alleine lassen.
            Dennoch war da etwas an ihm, das ich nicht ergründen konnte. Ein Geheimnis umgab den Mann, genauer gesagt: ein arkanes Geheimnis. So viel hatten wir bereits auf dem Flug nach Japan festgestellt. Nur was?! Die Frauen hatten mehrere Vermutungen geäußert, aber wirklich sicher waren sie nicht gewesen. Und würde sich sein Status positiv oder negativ auf unsere Mission auswirken? Diese Frage ging mir immer wieder durch den Kopf, lediglich die Antwort blieb ich mir auch am Ende des zweiten Tages schuldig.    
            Nachdem unsere Magierinnen ihren Schwatz mit dem Mentorgeist beendet hatten, informierten sie uns über ihre neu gewonnenen Erkenntnisse. 
            „Wir müssen also nur noch herausfinden, wo Miruku seine Anhänger rekrutiert. Sanada-San, sie sind hier ortskundig. Können sie uns sagen, wo wir mit der Suche beginnen sollten?“, fragte Alyssa schließlich. Alle Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an.

Freitag, 17. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 4 - Die Einöde des Hais

            Wasser so weit das Auge reichte.      
Bis zum Horizont und darüber hinaus war kein weiteres Land zu sehen. Dafür schimmerte das Meer, als enthielte es eine phosphoreszierende Substanz. Am nächtlichen Himmel funkelten die Sterne, doch sie schienen wahllos dort angebracht worden zu sein. Zu keinem bekannten Sternenbild wollten die Konstellationen passen. Dafür verschwanden einige von ihnen, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie glichen mehr weit entfernten alles beobachtenden kosmischen Augen, die sich öffneten und wieder schlossen.        

            Alyssa staunte mit offenem Mund über die atemberaubende Szenerie. Sie wusste, dass es nicht real war, doch als wolle sie diese Illusion eines Besseren belehren, kitzelte sie der Sand zwischen den Zehen. Die Magierin sah an sich herunter und grub die nackten Füße fester in den feinen, weißen Steinstaub. Es war fantastisch und beunruhigend zugleich. ‚Ob sich B.T.L.-Junkies so fühlen, wenn sie sich in die Erinnerungen eines anderen Menschen einklinken?‘   
            Der Strand an dem sie standen, umfasste nur einige Dutzend Quadratmeter. Nicht ein einzelner Grashalm wuchs auf der Insel. Lediglich ein hölzerner Steg führte von dem Eiland fort. Er war vom jahrzehntelangen Einfluss der Umwelt verwittert und weckte wenig Vertrauen in seine Stabilität. Nichts befand sich hier. Nichts außer Alyssa und ihrer Freundin.
            „Wie lange wird es dauern, bis er sich zeigt?“, fragte sie und erntete ein verschmitztes Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ. Sunetra wartete kniend auf Susanoos Ankunft. Sie hatte die Menschenfrau von dem Moment an, seit sie hier gelandet waren, genau beobachtet. War sie sich bei ihrem ersten Besuch in seinem Refugium ebenso fremd und deplatziert vorgekommen? Wahrscheinlich, aber die Erinnerungen verschwanden in einem Nebel. Alles wirkte so fern. Dabei war sie erst in diesem Jahr die Verbindung zu dem Mentorgeist eingegangen.         
            „Bald, hab ein wenig Geduld!“
Alyssa seufzte und trat gerade so weit vor, dass die Wellen, die die Insel sanft umspülten, sie nicht erreichen konnten. Es war ihr bewusst, dass sie deswegen nicht mehr sehen konnte, als drei Meter zuvor, aber sie hatte Hummeln im Hintern. Geduld gehörte nun einmal nicht zu ihren Stärken, ganz besonders dann nicht, wenn etwas so aufregendes geschah.        

Freitag, 10. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 3 - Dem roten Faden nach

            Es war kurz nach Elf, als ich aufwachte.         
Zwischen den Ritzen der Jalousien schlüpften Sonnenstrahlen hindurch und kitzelten in meiner Nase. Sie provozierten ein kräftiges, dreifaches Niesen, das mich aus unruhigen Träumen über vielarmige Tentakelmonster und andere Abscheulichkeiten jenseits dieser Existenzebene rissen.     
            Ich blinzelte ins morgendliche Licht, das den Farben die Intensität nahm und die Welt wie ein leicht verblasstes Foto wirken ließ. Verwirrt nahm ich einen Moment lang den Raum in Augenschein. Wie die anderen lag ich auf einem Futon, der sich als bequemere Schlafgelegenheit als zunächst vermutet herausgestellt hatte. Largos sonores Schnarchen zerteilte die verstreichende Zeit in gleich große Häppchen. Sunetra schlief ebenfalls noch tief und fest, während Alyssa gelangweilt einen Tetris-Klon auf der AR-Brille ihres Komlinks spielte. Müde winkte sie mit den Fingern einer Hand und lächelte gequält. Die Ringe unter ihren Augen verrieten mir, dass sie nicht viel geschlafen hatte.
            "Liegt's an Largo?", flüsterte ich.       
Die Menschenfrau seufzte: "Nach zwei abgesägten Regenwäldern hab ich mich daran gewöhnt. Hanks Furzkonzert hat mir den Rest gegeben."        

Samstag, 4. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 2 - Das andere Ende der Sechsten Welt

            Vor uns strahlten Myriaden Lichter des Neu-Tokioter Sprawls gegen die Finsternis an und erzeugten eine in schillerndsten Farben leuchtende, leicht pulsierende Photonenkuppel. Direkt über unseren Köpfen verharrte jedoch eine sternenklare Nacht. Es herrschte frostiges, fernöstliches Klima. Zu meiner Überraschung waren die Temperaturen auf der anderen Seite des Globus genauso enttäuschend wie daheim. Doch war es nicht der eigentliche Grund, der mich frösteln ließ. In der Dunkelheit konnte ich mehrere Gestalten erkennen. Sie trugen Lederkluft und Motorradhelme, sogar die, die aus dem Jeep gestiegen waren. Etwas an ihnen blitzte und funkelte böse, wie die Sterne, die mit silbriger Kälte vom Himmel auf uns herab starrten. Gänsehaut wuchs auf meinen Armen und die Nackenhaare stellten sich auf, als ich erkannte, was einige von ihnen in ihren Händen hielten.      
            Kurzschwerter.
Na das fängt ja gut an.

Freitag, 26. Juni 2015

Schatten über Jigoku



Prolog
            ‚Schatten dominieren diesen Ort.‘        

Der Priester spürte die hasserfüllte Präsenz durch jede Ritze, jede Spalte quellen, wie sie wucherte, sich tumorartig ausbreitete, die Seelen der Menschen infiltrierte und korrumpierte, alles und jeden ins Böse verkehrte. Shinta war unwohl in seiner Haut, doch er wusste tief in seinem Inneren, dass er nun, im entscheidenden Moment, nicht mehr zögern durfte. Seine Mission war, den Schatten zu bannen, der vor einiger Zeit damit begonnen hatte, von der Neu-Tokioter Unterwelt aus sein Netz zu spinnen.
            Viele Mühen und unzählige Gefallen hatte es ihn gekostet die Spur bis zu dieser Bar zu verfolgen. Karaoke und leichte Mädchen wurden hier neben Sake, Whiskey und Snacks auf der Karte angeboten. Unter normalen Umständen würde sich der Priester einen Dreck um die zwielichtigen Geschäfte scheren, die hier abgewickelt wurden. Bezahlter Sex stand nicht besonders hoch auf seiner Beliebtheitsskala, aber es gab weiß Gott schlimmere Verfehlungen. Doch unlängst hatte sich der Amüsierschuppen in eines der Nester verwandelt, in dem Es zu hausen pflegte. Während seiner Recherchen hatte der Shintopriester herausgefunden, dass sich das Wesen besonders in der Nähe von Außenseitern der Gesellschaft wohlfühlte.     
            Unter den Verzweifelten und Ausgestoßenen, die nichts mehr zu verlieren hatten, rekrutierte es auch seine Söldner. Manche von ihnen unterwarfen sich freiwillig seinem unbeugsamen Willen, andere zwang es mit Gewalt unter seine Kontrolle. Der traurige Rest bekam keine Chance von der Begegnung mit dem Leibhaftigen zu erzählen.    

Donnerstag, 12. Februar 2015

Kalte Wasser

            Sunetra betrachtete die Regentropfen, die langsam an der Fensterscheibe wie kleine Glaskugeln herunter rutschten. Obwohl die Fensterfront geschlossen war und die automatische Raumtemperatur die Kälte auf der anderen Seite zuverlässig in Schach hielt, meinte sie den Wind an ihren Armen und Beinen spüren zu können. Das laute Pfeifen des nächtlichen Windes tat sein übriges.          
            Die Nacht war ihr immer lieber gewesen als die blendende Klarheit der Sonne, die die Welt in Hell und Dunkel unterteilt oder gar alles mit ihrer Helligkeit für sich beansprucht. Die andere Hälfte des Tages erschien ihr stets passender, mit den wechselnden Bedingungen von Vollmond, Wolken, künstlichem und natürlichem Licht. Der Tag war die Domäne der Optimisten und ironischerweise, der Träumer. Seine Welt war klar und hell, ganz von selbst und offen für jeden, der in sie hinein trat. Die Nacht hingegen erforderte, dass man sich mit ihr auseinander setzte, Licht und Möglichkeiten mussten den Schatten und der Dunkelheit abgerungen werden. Grau und Schwarz waren ihre Farben. Silhouetten konnten alles in sich beinhalten, von tödlichen Gefahren bis zu besten Freunden. Dies erschien ihr stets als eine bessere Beschreibung der Welt, ohne dass sie dies jemals zum Anlass genommen hätte an ihr zu verzweifeln. Vielmehr lag darin ein Imperativ, eine fundamentale Herausforderung, und Sunetra hatte sich dieser stets gestellt.